Standpunkte der ev. Hochschulen

Standpunkte der ev. Hochschulen

Interviews mit evangelischen Hochschulen

Prof. Dr. Dr. Sigrid Graumann,
Rektorin der EvH RWL in Bochum.

Prof. Dr. Dr. Graumann

Welche Hochschule vertreten Sie und für welche sozialen Berufe setzen Sie sich vor allem und in welchen Handlungs-/ Arbeitsfeldern ein?

Ich bin Philosophin, vertrete das Fach Ethik in der Heilpädagogik, der Pflege und der Sozialen Arbeit an der evangelischen Hochschule in Bochum. Seit 2017 bin ich Rektorin der Hochschule. Ich setze mich für wissenschaftlich fundierte und wertebasierte Ausbildungen für Berufe im Sozial- und Gesundheitswesen ein. Dafür stehen wir als staatlich refinanzierte Hochschulen in kirchlicher Trägerschaft und das hat historische Gründe.

Unser Hochschultyp geht auf die 1971 aus den damaligen konfessionellen Fachschulen hervorgegangenen Fachhochschulen zurück. Wir bieten Studiengänge an, die insbesondere für Tätigkeiten im Sozial- und Gesundheitswesen qualifizieren. Unsere Absolvierenden arbeiten vor allem als Sozialarbeiter:innen, Heilpädagog:innen, Erzieher:innen und Pflegekräfte. Wir, die staatlich refinanzierten Hochschulen in kirchlicher Trägerschaft, gehören zu den Pionierinnen der Professionalisierung und Akademisierung der genannten Berufsgruppen.

Wie zeigt sich aus Ihrer Sicht die Situation der sozialen Berufe?

Es fehlt an gesellschaftlicher Anerkennung für das, was von den Mitarbeitenden im Sozial- und Gesundheitswesen tagtäglich geleistet wird. Nicht zuletzt deshalb haben wir es mit einem großen Fachkräftemangel zu tun, der zu extremer Arbeitsverdichtung führt und die Berufe damit noch unattraktiver für junge Menschen macht. Wir sehen das derzeit eindrücklich an der Flucht aus dem Pflegeberuf. Aber auch Erzieher:innen und Sozialarbeiter:innen fehlen und das bei zunehmenden Herausforderungen, gerade auch in der Pandemie-Krise. Die gesellschaftliche Bedeutung all dieser Berufe steht wohl spätestens seit der Pandemie außer Frage. Gleichzeitig gelten sie nach wie vor als typische Frauenberufe, die Tätigkeiten sind schlecht bezahlt, und vor allem fehlt es auch am gesellschaftlichen Bewusstsein dafür, wie anspruchsvoll die Tätigkeiten sind, was dort geleistet wird und wieviel an Fachwissen und Kompetenzen dafür notwendig sind.  Hier ist dringend Gegensteuerung notwendig. Die Aufwertung, was Bezahlung und Arbeitsbedingungen angeht, ist eine ganz entscheidende Voraussetzung dafür. Deshalb setze ich mich für eine bessere gesellschaftliche Anerkennung der Berufe ein.

Worin liegen die Herausforderungen sozialer Berufe in der akademischen Bildung?

Die sozialen Berufe sind angesichts zunehmender gesellschaftlicher Herausforderungen, wie wachsender sozialer Ungleichheiten, dem demografischen Wandel, dem Ziel der Gestaltung einer inklusiven und diversitätssensiblen Gesellschaft sowie der Notwendigkeiten einer sozial-ökologischen Transformation aber auch durch Populismus und gesellschaftliche Spaltungen, anspruchsvoller geworden. Um mit all diesen Herausforderungen angemessen umgehen zu können und den gesellschaftlichen Zusammenhalt nachhaltig zu sichern, brauchen wir Forschung. Und wir brauchen Fachkräfte, die auf der Grundlage aktueller Forschung ausgebildet werden.

Mit welchen neuen/ aktuellen Herausforderungen haben die Hochschulen für angewandte Wissenschaften zu kämpfen?

Wir stellen fest, dass das Interesse an unseren Studiengängen nachlässt. Wir haben zwar nach wie vor genügend Studieninteressierte, um unsere Studienplätze zu besetzen, langfristig könnte das aber ein Problem werden. Insbesondere in den Studiengängen, in denen die Fachschulausbildung nach wie vor die Normalität ist, wie die Pflege oder die Elementar- oder Kindheitspädagogik zahlt es sich für die Absolvierenden oft nicht unmittelbar etwa in besserer Bezahlung aus, dass sie einen akademischen Abschluss erworben haben. Das sollte sich dringend ändern, weil wir die akademisch ausgebildeten Fachkräfte mit ihrem Wissen und ihren Kompetenzen in den Tätigkeitsfeldern dringend brauchen.

Wo sehen Sie konkreten Handlungsbedarf in den Bereichen der Aus-, Fort- und Weiterbildung?

Aufgaben und Tätigkeiten sozialer Berufe sind einem permanenten Wandel unterworfen. Ich will das an einem Beispiel deutlich machen. Wenn wir etwa eine diversitätssensible und inklusive Gesellschaft anstreben, brauchen wir Erzieher:innen die das Wissen und die Kompetenzen aber auch die Haltung mitbringen, Inklusionskonzepte in KiTas zu entwickeln und umzusetzen. Wenn sie das gut und auf aktueller wissenschaftlicher Basis tun wollen, müssen sie sich neue Praxiskonzepte aneignen, sie müssen sich aber auch mit aktuellen Debatten der Gender-Studies, der Queer Studies, der Disability Studies, aber auch der kritischen Rassismusforschung auseinandersetzen. Vor dem Hintergrund dieser theoretischen Erkenntnisse, müssen sie Ihre eigene Haltung reflektieren und sie müssen die theoretischen Einsichten mit praktisch pädagogischen Kompetenzen zusammenbringen. Das ist ausgesprochen anspruchsvoll. Und auch für die Aus-, Fort- und Weiterbildung der Fachschulabsolvent:innen, die ja nicht alle ein Aufbaustudium absolvieren, sind das neue Inhalte, die aufgenommen und vermittelt werden müssen.

Wie kann eine akademische Bildung unterstützen, den Professionsgedanken sozialer Berufe zu stärken?

Akademisierung und Professionalisierung gehören zusammen. Aus der interdisziplinären wissenschaftlichen Arbeit an unseren Hochschulen heraus werden die Kriterien für die eigene Fachlichkeit gewonnen, die soziale Berufe als Professionen kennzeichnen. Daraus entsteht das berufliche Selbstverständnis mit Bezug auf die eigene Tätigkeit sowie deren gesellschaftliche Bedeutung; beides ist für das Sozial- und Gesundheitswesen unerlässlich. Dabei sind die Sozial- und Gesundheitsberufe mit ihren Anliegen und Inhalten oft der Gesamtgesellschaft voraus. Sie müssen ein Stück visionär denken, etwa das Ziel einer diversen und inklusiven Gesellschaft ins Auge fassen und konkrete Strategien entwickeln, wie sich die Gesellschaft in diese Richtung weiterentwickeln kann.

Wenn Sie über die Begrifflichkeit „Bildungslandschaften“ nachdenken, welche Bedeutung hat diese Idee für den hochschulischen Bereich?

Wir haben verschiedene Berufsgruppen mit unterschiedlichen Bildungsabschlüssen im Sozial- und Gesundheitswesen. Aus meiner Sicht ist das gut und richtig so. Dem hochschulischen Bereich kommt in dem Reigen der verschiedenen Ausbildungsgänge die Funktion zu, neue Fragen und Probleme aus der Praxis aufzunehmen, diese wissenschaftlich zu untersuchen, auf dieser Basis neue Konzepte zu entwickeln und diese in der Praxis zu erproben und zu etablieren. Unsere Absolvierenden tragen mit ihrer wissenschaftlich fundierten Ausbildung so zur Weiterentwicklung der Praxis der Sozial- und Gesundheitsberufe bei. Das ist aber keineswegs hierarchisch zu verstehen. Die Erfahrungen, die alle anderen in den Feldern Tätigen machen und ihre Praxiskompetenz spielen dabei eine ganz wesentliche Rolle. Wir sprechen dabei oft von einem „bidirektionalen Transfer“ von der Praxis in die Forschung und wieder zurück.

In die Zukunft geblickt: Wo stehen die sozialen Berufe 2030?

Wenn ich mich gedanklich in das Jahr 2030 versetzte, stelle ich mir eine Gesellschaft vor, in der sich das Bewusstsein durchgesetzt hat, dass wir auf die sozialen Berufe angewiesen sind, um den gesellschaftlichen Zusammenhalt nachhaltig zu sichern. Auch wenn die gesellschaftlichen Herausforderungen durch die Notwendigkeiten der sozial-ökologischen Transformation weiter zugenommen haben, sind die Berufe wieder attraktiver für junge Menschen, die nach einer guten Ausbildung im Beruf bleiben, weil sie angemessen bezahlt werden, gute Arbeitsbedingungen vorfinden und selbstbewusst eine gesellschaftliche sinnvolle Arbeit leisten können. Ich hoffe, dass wir das durch die Pandemie-Krise gelernt haben.

 Prof. Städtler-Mach
Präsidentin der Evangelischen Hochschule Nürnberg

Prof. Städtler-Mach

Welche Hochschule vertreten Sie und für welche sozialen Berufe setzen Sie sich vor allem und in welchen Handlungs-/ Arbeitsfeldern ein?

Ich vertrete die Evangelische Hochschule Nürnberg. An unserer Hochschule werden Bachelor- und Master-Studiengänge für Soziale Arbeit, Sozialwirtschaft, Gesundheits- und Pflegeberufe, sowie Religionspädagogik und Diakonik angeboten. Von daher liegt unser Engagement für alle Berufe in diesem Spektrum, was konkret bedeutet: Alle Handlungsfelder der Sozialen Arbeit und der Pflege, der Kindheits- und Heilpädagogik, der Religionspädagogik und Diakonik.

Wie zeigt sich aus Ihrer Sicht die Situation der sozialen Berufe?

Für uns sind wichtige Themen der extreme Mangel bei Pflegefachkräften und in der Kindheitspädagogik, aber auch die sehr gute Nachfrage in allen anderen sozialen Berufen. Insgesamt sehe ich allerdings eine ungerechtfertigte Zurücksetzung sozialer Berufe in der gesellschaftlichen Bewertung von Arbeit.

Worin liegen die Herausforderungen sozialer Berufe in der akademischen Bildung?

Hier geht es vor allem um den Transfer zwischen wissenschaftlicher Qualifikation und Praxiseinrichtungen. Die Bedeutung von Theoriebildung und auch von aktueller Forschung für die Arbeitsbereich des Sozialen und der Gesundheit  sind für uns evident; darin liegt auch der besondere Beitrag einer Hochschule.

Eine weitere Herausforderung ist die entsprechende Entlohnung der Berufe, für die wir qualifizieren. Verglichen mit BA-Abschlüssen im technischen oder ökonomischen Bereich sind sie deutlich zu gering.

Mit welchen neuen/ aktuellen Herausforderungen haben die Hochschulen für angewandte Wissenschaften zu kämpfen?

Die HAWs der Care-Berufe haben mit einer Zurücksetzung gegenüber den Technischen Hochschulen bei staatlichen Mitteln zu kämpfen. Die Bedeutung der Care-Hochschulen wird staatlicherseits ständig unterstrichen, jedoch nicht entsprechend finanziert. Diese Zurücksetzung betrifft auch die Ausbildungsstätten der anderen Qualifikationsstufen. Hier bildet sich die gesellschaftliche Einschätzung sozialer Berufe ab.

Wo sehen Sie konkreten Handlungsbedarf in den Bereichen der Aus-, Fort- und Weiterbildung?

Für die Hochschulen geht es darum, möglichst breit gestreute Angebote zu machen, bei denen der Transfer zu Forschung und (theoretischer) Weiterbildung erkennbar ist. Hier haben Hochschulen ein Alleinstellungsmerkmal im Fort- und Weiterbildungsmarkt.

Darüber hinaus möchte ich die Bedeutung der Fort- und Weiterbildung für die Hochschulen auch aus ökonomischen Gründen unterstreichen: Fort- und Weiterbildung bedeuten nicht nur die Erfüllung unserer Aufgaben nach dem Hochschulgesetz, sondern auch Zusatzeinnahmen.

Wie kann eine akademische Bildung unterstützen, den Professionsgedanken sozialer Berufe zu stärken?

Der Professionsgedanke in sozialen Berufen wird gefördert, indem schon während des Studiums die Frage nach der jeweiligen Profession thematisiert wird. Kontinuierliche Reflexion der beruflichen Identität in den einzelnen Lehrveranstaltungen stärkt das eigene Selbstbild, das bereits während der Praxiseinsätze an der Realität überprüft werden kann.

Wenn Sie über die Begrifflichkeit „Bildungslandschaften“ nachdenken, welche Bedeutung hat diese Idee für den hochschulischen Bereich?

An erster Stelle sehe ich die Vernetzung der Einrichtungen formaler Bildung, z.B. mit Schulen, die Studieninteressierte an die Hochschulen vermitteln, gleichzeitig aber auch Kooperation mit Universitäten, z.B. durch (kooperative) Promotionen. Dazu kommt die Steigerung der Attraktivität wissenschaftlicher Qualifikation in diesem Bereich: es ist ein lohnendes Ziel, sich für soziale und Gesundheitsberufe als Lehrende und Professor*in an einer Hochschule zu engagieren.

In die Zukunft geblickt: Wo stehen die sozialen Berufe 2030?

Alle Care-Berufe sind weiterhin hoch relevant für die Gesamtgesellschaft. Bis 2030 sehe ich  deutlich bessere Rahmenbedingungen (Bezahlung, Flexibilität, gesellschaftliche Anerkennung) für die Berufe, die die „Sorge für andere“ als Profession garantieren.

Prof. Dr. Barbara Städtler-Mach
Präsidentin der Evangelischen Hochschule Nürnberg